Nachfolgend die kompletten Briefe, aus denen die Zitate entnommen wurden:
Transkription des Briefes von Paul an Lefmanns am 11. 7. 1915:
„Frankreich, den 11. Juli 1915
Liebe Eltern, liebe Heti!
Heute, Sonntag, komme ich wieder einmal dazu, Euch etwas ausführlicher zu schreiben. Gestern Abend bin ich schon um 8 Uhr in die Falle gestiegen und habe bis heute morgen um 7 Uhr glatt durchgeschlafen. Unser neues Quartier liegt parterre und hat den Vorzug, dass wir immer frische Luft haben. Unser altes Quartier, ein Heuboden, hatte als Luftzufuhr nur 2 Dachfenster ohne Scheiben und die Tür, welche so kleine war, dass man kaum eintreten kann. Ich hatte den Vorzug, gerade unter einem Dachfenster zu schlafen und als es eine Nacht plesterte [regnete], wachte ich nicht eher auf, bis ich klitschnass war. Wir haben jetzt Strohsäcke bekommen und wollene Decken, während wir früher auf Stroh schliefen und uns mit dem Mantel zudecken mussten. – Gestern waren wir zum Baden und ich konnte bei der Gelegenheit meine Wäsche anziehen. Meine Wäsche lasse ich hier bei einer französischen alten Tante waschen. Für Hemd, Hose und Strümpfe habe ich letztes mal 55 Pfennig bezahlt, ausserdem konnte ich meine französischen Kenntnisse anwenden, denn ich musste mich mit der Frau doch darüber verständigen, wenn es fertig sei und wieviel es kostet. Wäsche habe ich jetzt vollkommen genug, auch Handtücher und Seife; ihr braucht davon also nichts mehr zu schicken. Mein Freund Becker, welcher Tischler ist, hat mir ein Bord gezimmert und ich kann meine Sachen alle unterbringen. Ausserdem habe ich ja auch noch den Rucksack, der zur Aufbewahrung der wichtigeren Sachen dient. – Heute morgen um 7.15 war Löhnungsappell. Ich habe Geld genug und gebe auch nicht viel aus, da Ihr mir ja alles schickt, was ich brauche. Gestern Abend habe ich seit langer Zeit zum ersten mal ein Glas Bier getrunken. Das kann man sich nur dann erlauben, wenn man in der Nacht nicht heraus braucht zum Schanzen, sonst kann man sich vor Müdigkeit nicht retten. Man ist das Biertrinken nicht mehr gewohnt und wird ganz schlapp davon. Bier kann man hier in Hülle und Fülle bekommen und wer sich besaufen will, kann dies Vergnügen jeden Abend haben. Ich verzichte glänzend und schlafe lieber. – Der heutige Sonntag wird uns wieder ganz zerrissen, denn wir müssen um 1 Uhr wieder antreten und marschieren nach Menneville, wo uns noch einmal die Kriegsartikel vorgelesen wurden. Bis wir wieder hier sind, ist es ½ 4 und um 5 Uhr ist Gottesdienst der wird bis 6 dauern und um 7 ist Parade und Postempfang. Dann ist es auch schon bald wieder Zeit zum Schlafengehen. Einerseits ist es ja ganz gut, dass man nie so recht zum Bewusstsein kommt. – Heute habe ich einen Karton mit Briefen an Euch abgeschickt. Es sind fast nur Eure Briefe, die ich zurückschicke. Erstens dürfen die Pakete, die wir hier abschicken, nur ein halbes Pfund wiegen und zweitens hat es ja keinen Zweck, alles aufzubewahren. –
Jürgens ist jetzt auch ins Lazarett gewandert. Der arme Kerl tut mir sehr leid, er hat sich ganz kaputt gemacht. Wir haben jetzt einen neuen Arzt bekommen, der ganz ruppig vorgeht. Gestern hatte sich einer unserer Kameraden krank gemeldet, da er schwer lungenleidend ist und hustet während der ganzen Nacht, dass er nicht leben und nicht sterben kann. Der Arzt hat ihn daraufhin untersucht und für felddienstfähig für die Front erklärt; er hat ihm ausserdem den Vorwurf gemacht, dass er sich noch nicht freiwillig gemeldet hat. Was meint ihr dazu? Ein anderer klappt jede Nacht beim Arbeiten zusammen und bekommt Herzkrämpfe. Der Mann wird weder entlassen, noch kommt er ins Lazarett. Der Geisteskranke, welcher mit in meinem Quartier schlief, ist jetzt endlich ins Lazarett gekommen. Jede Nacht wanderte der Kerl mit seiner elektrischen Taschenlampe bewaffnet herum. Es war direkt unheimlich. Er war in dem Wahn, er sollte hier erschossen werden. Kranke gibt es bei uns jeden Tag. Alle Augenblicke fällt einer um. Ich glaube, ich bin hier einer von den Fähigsten und halte den Dienst sehr gut aus. Sollte man uns noch einmal mustern uns noch Felddienstfähige herausziehen, dann bin ich jedenfalls dabei. An eine solche Musterung ist natürlich nicht zu denken; vorläufig jedenfalls nicht, da könnt ihr unbesorgt sein. Das Essen ist noch genau so miserabel wie anfangs. Ich werfe jetzt immer einige Bouillonwürfel in die Suppe, dann ist sie einigermassen zu geniessen. Im nächsten Paket kann Mutter wohl noch einige Bouillonwürfel mitschicken. – Wir gehen jetzt in jeder Nacht hinaus. Man gewöhnt sich so ziemlich an den Dienst. Seit 14 Tagen bin ich jetzt in jeder Nacht heraus gewesen mit Ausnahme des Sonntags. Meine Hände haben bisher noch nicht so stark darunter gelitten. Die Haut geht allerdings ab und die Hände werden innen hart. – Eure Pakete sind bis jetzt alle angekommen. Ich möchte noch mal wiederholen: Es genügen 2 Pakete wöchentlich. – Mein Befinden ist jetzt wieder gut. Ich bin. Nicht der einzige, der sich damals schlecht gefühlt hat. Fast alle Kameraden haben darunter zu leiden. Heute ist´s dieser, morgen jener. Das kommt alles nur vom Essen. Mein Appetit lässt sehr zu wünschen übrig. Ich habe niemals Hunger. Wenn ich etwas esse, tue ich es gezwungen. Nur das Frühstück nach der Arbeit morgens um 7 Uhr schmeckt mir. Ich habe glaube ich schon verschiedene Pfund abgenommen; ich habe aber eine bedeutend gesündere Farbe bekommen und fühle mich meistens sehr wohl. – Könnte ihr Euch noch an den langen Kameraden erinnern, der in Hamburg mit uns auf dem Kasernenhof stand? Da solltet ihr mal sehen, was der Kerl frisst. Unsere Essnäpfe haben genau die Form einer Waschschüssel. Eine solche Waschschüssel frisst er jeden Mittag 2 mal leer. Es dauert ungefähr eine Stunde bis er damit fertig ist. Er ist 2,10 Meter gross und im Zivilberuf Portier. Von dem möchte ich nicht an die Luft gesetzt werden, denn er hat mordsmässige Kräfte. Sein einziger körperlicher Fehler sind seine Füsse, sonst ist er kerngesund. Wenn er den Weg bis zur Arbeitsstätte gemacht hat, kann er auch keinen Schritt mehr weiter gehen. Mitunter bleibt er eine halbe Stunde weit zurück, weil er nicht laufen kann. Beim Holzfällen trägt er einen Baum, bei dem sich sonst 4 Leute abschleppen, ganz allein weg und macht dabei die frechsten Witze. Er ist das Original unserer Kompanie. –
Als wir vorgestern draussen waren, musste ich aus dem benachbarten Dorf Wasser holen. Und besah mir bei Gelegenheit den vollständig zerschossenen Ort. Ich war auch in der Kirche, welche vollständig zerstört ist und fand die Überreste eines Liederbuches. Ich schicke es mit. Ausserdem fand ich ein Heft Liedertexte, welche ich bei Gelegenheit auch noch schicken werden. Die beiden Sachen sind ein schönes Andenken. Ihr bewahrt sie natürlich auf. –
Wie geht es eigentlich meinen Schülern? Welche hat Papa behalten? Von Lotte Braun bekam ich vor einigen Tagen ein kleines Paket mit Bonbons. – Für heute genug!
Die herzlichsten Grüße sendet
Euer
Paul“
Transkription des Briefes von August Meyer an Lefmanns am 30. 6. 1916:
„August Meyer an Anna und Franz
30.6.16.
Liebe Anna, lieber Franz!
Es ist schon 8 ½ Uhr abends, trotzdem will ich die wenige Zeit, die mir noch zur Verfügung steht, nutzen, Eure lieben Zeilen zu beantworten, da ich mich sehr darüber gefreut habe. (Minna schreibe ich morgen) Heute Abend ist meine Freude besonders groß, denn ich empfing nicht weniger als 4 Pakete, 1 Packen Zeitungen und 3 Briefe. 2 Pakete waren von Minna und von J. P. Jacobsen, das Du, lieber Franz, noch besorgt hast; ich werde mich, sobald ich eben Zeit habe, bei ihm bedanken, mache es für mich bitte vorläufig mündlich ab. Ferner erhielt ich 1 Paket von Brunssen, enthaltend ein Fläschchen Wein. Brunssen ist dich ein ganz prächtiger Mensch, er hat mich schon so oft auf diese Weise erfreut.
Die allgemeine Kriegslage ist nach meiner Meinung in ein kritisches Stadium getreten. Die Franzosen drängen die Engländer zum Vorgehen, ein Zeichen, dass es mit ersteren nicht mehr so gut bestellt ist und dass Verdun jetzt ganz merklich bedroht ist. Diesem Drange scheinen die Engländer gefolgt zu sein, denn sie greifen bei Arras an unserer Front mächtig an. 9 Divisionen stark sollen sie bei Arras angegriffen haben, aber blutig abgewiesen sein. Seit Sonntag vernimmt man einen Kanonendonner und Trommelfeuer, wie ich es noch nicht gehört habe. So etwas kann. An sich nicht vorstellen. Wer das aushalten muss, wird unbedingt verrückt. Vorige Nacht und heute den ganzen Tag wieder mächtig gefunkt worden. Wer nachts mal aufstehen musste, konnte sehen, wie der Himmel im Westen und Nordwesten feurig rot war und von Scheinwerfern erhellt wurde. Heute donnerten besonders die schweren Kaliber. Wir werden wohl einen schweren Stand haben, denn die Engländer werden eine Unmenge Truppen zusammengezogen und sich tüchtig mit Munition versehen haben. Sie werden, glaube ich, einen Durchbruch versuchen, um den Franzposen Luft zu schaffen. Hoffentlich gelingt es ihnen nicht. Wenn die Sache brenzlich werden sollte, werden auch wir alarmiert werden, das ist sicher. Wir wollen also wünschen, dass es nicht so weit kommt. Schließlich sind wir auch noch da. Aber die armen Soldaten! Wie viele haben schon wieder ins Gras beißen müssen. Man sollte meinen, die anderen kriegführenden Nationen sollten doch auch endlich zur Vernunft kommen und dieses schreckliche Blutvergießen einstellen. Aber, wer will den Anfang dazu machen? Wir müssen schließlich doch auch etwas nachgeben. Ich glaube, in militärischer Beziehung kann keine Entscheidung herbeigeführt werden, denn sonst kann der Krieg noch ein Jahr dauern. Es muss schon etwas ganz Besonderes eintreten. Was das sein kann, weiß ich nicht. Es handelt sich um die wirtschaftliche Seite des Ringens, und in dieser Beziehung sind die Franzosen ebenso schlimm dran wie wir, die Engländer befolgen die Verschleppungspolitik in dieser Hinsicht. Jedenfalls haben wir alle die Nase gestrichen voll. Schreibt mir bitte, ob ihr diesen Brief erhalten habt, denn ich weiß nicht, ob die Zensur in L. [Laon?] ihn durchgelassen hat. Alles darf man ja nicht schreiben, sonst würde ich noch ganz andere Saiten aufziehen.-
Es freut mich riesig, dass Ihr Euch so sehr um Angela und Helmut bemüht, dafür danke ich Euch herzlich. Es ist für Euch auch gewiss eine große Freude, wenn die beiden auf Eurem Lande so herumwirtschaften. Ich könnte noch so vielerlei schmieren, aber die Zeit drängt. Seid alle tausendmal (auch Heti aus Altenesch) herzlich gegrüßt von
Eurem August“