Nachfolgend die kompletten Briefe, aus denen die Zitate entnommen wurden:
Transkription des Briefes von Paul an Anna Lefmann vom 15. 7. 1917
„Geschrieben, den 15. Juli 1917.
Liebe Mutter!
Herzlichen Dank für deinen Brief vom 10. und das Paket vom 7. Brief folgt morgen
Herzliche Grüße
Dein Paul.“
Transkription des Briefes von Hedwig an Paul Lefmann vom 14. 8. 1917.
„Den 14. August 1917
Liebe Eltern, liebe Heti!
Ich glaube, es wird höchste Zeit, dass ich wieder ein Brieflein für euch absende. In unserer Arbeitseinteilung ist seit einigen Tagen eine kleine Veränderung eingetreten. 25 Mann gehen mit einer Pionierabteilung zur Arbeit und zehn Mann schanzen an einigen Unterständen, direkt neben unserem Quartier. Zu diesen zehn Leuten gehöre ich. Wir stehen morgens um 6 Uhr auf und arbeiten von 7 bis 3 Uhr, wenn man das so nennen kann. Schweiß ist noch keiner geflossen, und der Spahn ist auch noch nicht glühend geworden. Von 3 Uhr ab sind wir gänzlich frei. Ich lese jetzt auch wieder etwas. Vor zwei Tagen bekam ich ein größeres Bücher Paket, dass mir hier in der Einsamkeit sehr willkommen war. Ich versehe jetzt alle Kameraden mit Lesestoff. Acht Bücher habe ich für mich behalten, in einem großen Karton gepackt und mit zwei Paar Strümpfen zusammen als großes Paket aufgegeben. Es sind also jetzt zwei große Pakete von mir unterwegs. Die beiden paar Strümpfe brauche ich nicht. Denn erstens trage ich keine und zweitens habe ich noch vier Paar. –
In der vergangenen Woche habe ich mit Otto zusammen ungefähr zwölf Pfund Apfelmus gekocht. Man kann die Äpfel nicht gut roh essen. Zu Apfelmus eignen sie sich jedoch großartig. Wir haben noch einen halben Sack mit Äpfeln stehen. Das Mus kann man sehr gut als Brotaufstrich verwenden. Wir bekommen jetzt jeden Tag ein halbes Brot und da hapert es manchmal ganz schändlich mit den Fertigkeiten. Unsere Verpflegung ist jetzt gut, wenigstens was die Menge anbetrifft. Hungrig braucht man jetzt nicht mehr schlafen zu gehen. Also wir bekommen täglich 750 g Brot und ihr? Dass Onkel August so lange keine Post von mir bekommen hat, ist mir jetzt erklärlich, da ich gestern einen Brief zurückbekam, den ich ihm vor etwa drei Wochen geschrieben habe. Auf dem Briefumschlag war vermerkt: Adressat unbekannt. Aus welchen Gründen der Brief nicht angekommen ist, weiß ich nicht. Die Adresse hat jedenfalls gestimmt. Ich habe ihm nun den Brief noch einmal geschickt mit genau derselben Adresse. Mich soll’s wundern, ob er diesmal ankommen wird. Außerdem haben Otto und ich vor acht Tagen einen längeren Brief an Onkel August geschrieben. Habe ich eigentlich schon den Empfang von Mutters Brief vom sechsten bestätigt? Ich glaube nicht. – Du teilst mir daran mit, dass Heti sich wohl einer Nasenoperation wird unterziehen müssen. Das ist ja sehr unangenehm. Nun, sie ist ja sonst nicht Bange und auch dieser Schmerz wird vorübergehen. Gestern Abend kam Müllers Brief vom 9. an. Die Nachricht von Carl Scheeles Tod hat uns alle sehr überrascht. Es tut mir wirklich leid, dass dieser gute Kerl hat dran glauben müssen. Schäle war schon seit langer Zeit herzleidend. Er hat sich wahrscheinlich durch den höchst unsoliden Lebenswandel, den er führte, ruiniert. Ich glaube sogar, dass er sein Herz leiden, künstlich verschlimmert hat, um nicht felddienstfähig zu werden. Das wird ihm wohl den Rest gegeben haben. Schädle war seit etwa einem halben Jahr bei der Artillerie und war für ein paar Tage in Rumänien. Wegen seines Herzleidens ist er zurückgekommen und garnisonsdienstfähig geschrieben. Das ist allerdings schon länger her. Seitdem ist er nicht wieder im Felde gewesen. Es sterben jetzt so viele Menschen, dass man, wenn man die Nachricht vom Tode eines Bekannten erhält, sich am nächsten Tage schon damit abgefunden hat. –
Huhns sind nun wohl schon von ihrer Reise zurückgekehrt. Wenn ihr irgendetwas Näheres erfahrt, teilt ihr mir das wohl mit. Frau Huhn wird mir ja wahrscheinlich auch selbst berichten. Vor ihrer Reise schrieb mir Frau Huhn, sie habe einen Kuchen für mich abgeschickt. Als sie damit zur Post gekommen sei, habe Sie erfahren, dass das Paket zu schwer sei, und sie habe es daher als großes Paket abgeschickt. Nun denkt diesen Unverstand von der Frau. Mit dem Kuchen kann ich ja jemand ein Loch in den Kopf werfen, wenn er nach vier Wochen hier ankommt. Wahrscheinlich wird er auch, wenn er frisch eingepackt worden ist, ganz verschimmelt sein. Ich kann euch gar nicht sagen, wie ich mich schon darüber geärgert habe. Gerade jetzt, wo man so selten einmal Kuchen bekommt, muss solch ein Blödsinn passieren. Nun, ich warte erst mal die Ankunft der Pakete in Ruhe ab. Ist der Kuchen schlecht, fliegt das ganze Paket in den Aisne-Kanal. Habe ich euch schon erzählt, dass Frau Schüürmann mir neulich ein großes Stück Wurst und ein Stück Schinken geschickt hat? Die Wurst war direkt ein Gedicht. – Heute Abend werden auch wohl eure beiden Pakete vom 8. ankommen. Bin schon ganz gespannt auf den Inhalt. In der letzten Zeit hattet ihr mich reichlich mit Paketen versehen. Ich weiß gar nicht, wie es euch möglich ist, soviel zu entbehren. Müller schreibt mir ja, dass ich alles ohne Sorgen essen kann. Ich würde mir auch Gedanken machen, wenn ich wüsste, dass ihr euch meinetwegen einschränken müsstet. Ihr habt ja nun auch allerhand eingekocht. Auch Fräulein Kühle schreibt mir, dass sie während ihrer Ferien richtig eingekocht hat und dass ich später, wenn Frieden ist etwas davon abhaben solle. Aber vielleicht kommt der Frieden gar nicht sobald, so dass ihr euer Eingekochtes ohne mich verzehren müsst. Wir sind augenblicklich wieder auf einem hohen Punkt angekommen. Es passiert nichts Bedeutendes, Hoffnung Erweckendes. Das drückt die Stimmung sehr nieder. Ich habe die Hoffnung auf einen diesjährigen Frieden immer noch nicht aufgegeben. Wenn es in diesem Jahr nicht zu Ende geht, dann kommen ganz traurige Zeiten für uns. –
Ich las gestern in den Bremer Nachrichten von der Beschlagnahme der Kupfer- und Messinggegenstände. Ich war einfach platt. Ihr habt doch jedenfalls auch eine Menge abgeben müssen. Er erzählt mir doch bitte mal davon. Soweit ist es also schon gekommen, dass man zur Abgabe seines Privateigentums gezwungen werden kann. Es soll mich gar nicht wundern, wenn bei der nächsten Kriegsanleihe ein Zwang zur Zeichnung ausgeübt wird. –
Mutter bitten, mir im nächsten Paket ein feldgraues Halstuch mitzuschicken. Mein jetziges ist total mürbe geworden. Wie das Halstuch beschaffen sein muss, weiß Mutter ja, sie hat mir ja schon mal eins geschickt. –
Vor einigen Tagen haben die Franzosen einen Freiballon zu uns hinübergeschickt. Einer unserer Unteroffiziere hat das Ding beim niedergehen gefunden und mitgebracht. Und dran hing ein Bündel Frankfurter Zeitungen. – Gefälschte. Ich bin in dem Besitz eines solchen Exemplar gekommen und sende es heute mit. Es wird Papa jedenfalls interessieren. Bewahrt die Zeitung bitte auf. Es ist immerhin etwas Besonderes. –
Vor einigen Tagen fand ich eine gesunde Humoreske. Ich habe Tränen gelacht. Ich sende das Ding heute mit; ihr werdet euren Spaß dran haben. Ich denke, der Brief ist jetzt lang genug geworden und ich will schließen.
Euch allen sende ich
herzliche Grüße
Euer Paul.“